Der Nacktarsch

5. Dezember 2021
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Feature

Die Größen der Tageszeitung „Kurier“ in den sechziger und siebziger Jahren waren durchwegs Auto-Enthusiasten. Geschäftsführer, Ressortleiter, Kolumnisten – sie alle suchten die intime Nähe der Motorredaktion, um hochkarätige Testwagen, unter welchem Vorwand auch immer, ein paar Tage oder wenigstens einige Stunden ausprobieren zu dürfen.

Alfons Maluschka, Generaldirektor und kaufmännisches Hirn des Verlags, hatte sich in jungen Jahren sogar als Autorennfahrer versucht. Vor seiner Tür stand stets der neueste Mercedes als Dienstwagen. An Testwagen der allerobersten Preisklasse heranzukommen, war sogar für uns Motorredakteure schwierig, weil diese Autos „muss der Alfi Maluschka unbedingt fahren, denn so haben wir alle Rechte“, wie der damalige Ressortchef Hans Patleich alias Christmann uns Testern zu erklären versuchte, warum wir gelegentlich mit der Straßenbahn nach Hause fahren mussten. Mein dies­bezügliches Aufmüpfen bremste Patleich mit ­einem souveränen Argument sogleich ein: „Du willst doch, dass der Maluschka deine ­Gehaltserhöhung bewilligt.“ Ich fuhr mit der Straßenbahn.

Maluschka-Nachfolger Julius Kainz bewegte einen Jaguar XJ 6. Eigentlich bewegte er ihn nicht – dafür bewegten wir Jungredakteure die chronisch kranke Katze des Geschäftsführers gefühlte zweimal pro Woche in die Werkstätte Janko in Wien zur Reparatur. Auch Hugo Portisch war Jaguar-Fahrer. War sein XJ 6 ge­rade marod, ließ er über seine Sekretärin höflich nachfragen, ob vielleicht, wenigstens für einen halben Tag, ein Auto frei wäre, dann käme ohnehin sein Ersatzauto.

Kurier-Kolumnist & Pointen-Schleuderer Paul Popp, er hatte seine Berufslaufbahn als Kabarettist bei Karl Farkas begonnen, schlich täglich in die Autoredaktion, bot an, für ein Wochenende Testautobenützung eine heitere Kolumne zu schreiben, ganz ohne Überstunden-Zuschlag. Und sogar Karl Löbl, renommierter Kultur-Chef und später Chefredakteur des ­Blattes, verfasste für die Zeitung Testberichte – sie waren allesamt brillant geschrieben wie seine Opern-Kritiken.

Sport-Boss Martin Maier, über alle Landesgrenzen hinweg als Star-Kolumnist bewundert, erwarb 1975 privat einen der ersten BMW 320. Am Heck des Bayrischen der frühen Serie klaffte viel nacktes Blech, die Münchner ­De­signer hatten ordentlich danebengestylt (Bild oben). Martin Maier hatte für seine Glosse zum neuen Dreier prompt den passenden Titel parat: „Der Nacktarsch“.

Wenige Monate nach der Premiere des Nacktarsches besserte BMW nach, alle Dreier bekamen eine gerippte schwarze Kunststoffblende ans Heck montiert (Bild unten), das sah jetzt gleich viel besser aus. Maier pilgerte brav zum Denzel in die Wiener Gumpendorfer Straße, kaufte eine Blende und ließ sie anschrauben. Das Angebot des Denzel-Werkmeisters, dem bekannten Kurier-Mann nichts zu verrechnen, lehnte Martin Maier strikt ab – sonst „müsste ich den Nacktarsch vielleicht noch zurücknehmen.“

www.buch-effenberger.at

Fotos: MichaelXXLF/Wikipedia, Robert May

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