Der Ritt auf dem Feuerball: Großes Kino mit Ladedruck

28. Oktober 2016
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Feature

„Der Walter fliegt mit 180 vorbei. Und neben mir im Graben ein Haufen verrückter Italiener“, es gibt nicht viel, was einem hängen bleibt, wenn man versucht, einen wildgewordenen Bayern in einem wildgewordenen Porsche möglichst spektakulär zu filmen. Man muss sich ja doch konzentrieren, dass alles auch funktioniert. Aber die Aufnahmen, die Helmut Deimel Jahre später aufgekauft hat, zeigen erst, wie irre diese Szene der San-Remo-Rallye von 1983 war. Zu sehen: der niederösterreichische Filmemacher, wie er mit seiner Arriflex im Straßengraben liegt – und die Gruppe-B-Autos nur zwei Handbreit an ihm vorbei fliegen. „Passieren hätte da nix dürfen. Beim Landen haben die Autos ja gerne versetzt.

Aber trotzdem, die Italiener waren noch wahnsinniger. Die sind erst in der letzten Sekunde zur Seite gesprungen“, erzählt Deimel aus seinem Fundus unglaublicher Geschichten aus einer Zeit, als der Rallyesport das Maß aller Dinge war. Und die Epoche der Gruppe B die Schlagzeilen dominierte. Einfach weil die Autos in gewisser Weise unfassbar waren: „Jede neue Generation an Rallyegeräten hat einen fasziniert. Aber diese Autos sind bis heute unschlagbar, was die irre Beschleunigung betrifft. Und natürlich den Sound“, und gemeinsam mit ihren charismatischen Fahrern und ausgefuchsten Teamchefs geben sie ein unglaubliches Stück Motorsportgeschichte ab, das es so nie wieder geben wird. Und daher unbedingt auf BluRay gepresst werden musste.

helmut_deimel_feuerball_blueray.inddGenau das tat Deimel, der seit vier Jahrzehnten den Rallyesport filmisch begleitet, mit seinem neuesten Werk „Der Ritt auf dem Feuerball“, wofür er nicht nur in seinem eigenen Archiv bis in das hinterste Winkelchen wühlte, sondern eben auch von anderen Filmemachern ihr Material aufkaufte. „Bestimmte Szenen, zum Beispiel einzelne Kurven von der San Remo 1985, die der Walter auf Audi S1 gewann, kann ich jetzt aus drei Perspektiven darstellen“, erzählt Deimel mit kindlicher Freude, und entsprechend detailverliebt ist der Film auch ausgefallen. Bislang ungesehene Szenen, kuriose Geschichten, berührende Interviews und ein gefühlvoller Schnitt, der das Lebensgefühl der kurzen Ära der Gruppe B einfängt, ergeben 111 spannungsgeladene und erschreckend kurze Minuten. Das Zuschauen verging wie im Flug –  ähnlich wie eine Mitfahrt in einem Gruppe-B-Auto, Herr Deimel? „Bei der Semperit-Rallye 1985 bin ich mit dem Walter im Audi mitgefahren. Das war ein kurzes Stück bergab, dann ein Linksknick und dann wieder bergauf. In der Senke hatten wir schon 200 drauf. Da blieb dir echt der Atem weg!“

Der Walter Röhrl und der Audi S1, eine Liasion, der Deimel auch den Titel der DVD zu verdanken hat. In einem Interview von 1985 versuchte der Regensburger möglichst knackig zu beschreiben, wie es denn so ist, ein Gruppe-B-Auto zu fahren: Dass man bei diesen Autos im Prinzip mit dem Denken schon zu langsam ist. Und dass man es sich ungefähr so vorstellen muss wie einen Ritt auf einem Feuerball. Dass diese Fahrzeuge in tragische Unfälle verwickelt waren und Todesopfer forderten, versucht Deimel gar nicht zu beschwichtigen.

Monster waren sie für ihn aber trotzdem nicht, und auch die Arbeiten zu diesem Film hätten beinahe ein tragisches Ende genommen. „Kurz vor der Fertigstellung hüpft mein Kater Felix auf die Tastatur und die gesamte Timeline war auf einmal weg. Da ist mir kurz das Herz stehen geblieben, „erzählt Helmut Deimel schmunzelnd, „Aber zum Glück gibt es auch bei diesem Programm die Undo-Funktion.“

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