Genf 2017: Die Highlights der Redaktion

8. März 2017
3.155 Views
Feature

Im gleißenden Scheinwerferlicht der Geneva International Motorshow buhlen jedes Jahr hunderte Neuvorstellungen um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit – so auch heuer. Hier die Autos, die jeden einzelnen von uns am meisten begeistern konnten.

Enrico Falchetto: Porsche 911 GT3

 

Auch wenn es abgehoben klingen mag: Mehr Auto brauche ich nicht! Allrad & Turbo & Automatik mag ja nett sein für den Alltag, doch wer je einen frei atmenden Sechszylinder-Boxer genossen hat, möchte nichts mehr anderes fahren. Der GT3 ist tatsächlich der einzige Porsche, den man noch mit Saugmotor kaufen kann – und das sollte man zelebrieren. Für mich persönlich dürfte es auch die Variante mit Schaltgetriebe sein, die etwas später nachgereicht wird. Warum? Weil genau die Kombination später einmal extrem gefragt sein wird: eine Zuffenhausener mit Schaltgetriebe und Saugmotor, zumal mit den drei legendären Zusatzbuchstaben. Mögen die Turbo-Allradler mit Automatik souveräner sein, hier hat man noch das Gefühl, alles selbst in der Hand zu haben, Teil der Inszenierung zu sein.

500 PS aus vier Litern Hubraum – das klingt schon nach einem drehzahl-hungrigen Triebwerk. Und ist ein herrlicher Kontrast zu all den ach so modernen Motoren, bei denen uns die Eco-Anzeige schon bei 2500 Touren zum Weiterschalten motiviert. 3,9 Sekunden auf 100, Spitze 320. Sehr super! Noch besser: dass sich das ganze laut und wild anfühlt, da verzeiht man dem Stuttgarter auch seinen Krawallbügel.

Ein unbedeutendes Problem gibt es natürlich noch: 197.360 Euro klingen zwar im Vergleich zu anderen Supersportlern günstig, auch wenn die mehr Zylinder aufbieten, doch bei der Hausbank gibt’s einen Kredit für mich in dieser Höhe nur für Immobilien, nicht für Mobilien. Also wird’s wohl eher der Lego-GT3 werden, den ich am Genfer Flughafen auf dem Weg zu Messe entdeckt habe:

IMG_7703 (002)

 

Johannes Posch: Alpine A110

 

Das viel gerühmte „rechte Maß“ zu finden ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Alpine tut es offensichtlich, hat ihre A110 doch mit eben diesem mein Herz gewonnen. Effizienter Leichtbau, ohne es in Sachen Materialauswahl oder spartanischem Innenraum zu übertreiben, sorgt nicht nur für die Hoffnung auf einer Landstraße ebenso Spaß haben zu können wie im Stadtverkehr, sondern vor allem auch für einen mehr oder minder vernünftigen Preisrahmen. Der rund 10.000 Euro teurere und am Ende vermutlich gleich schwere Alfa Romeo 4C mit seinem Karbon-Monocoque darf dies übrigens als direkten Seitenhieb in seine Richtung verstehen. Klar: Auch rund 60.000 Euro sind jetzt auch nicht unbedingt geschenkt, andererseits ist die Alpine somit trotzdem noch der günstigste Mittelmotorsportler, den man neu kaufen kann.

Außerdem sieht er in meinen Augen einfach hinreißend aus. Auch beim Design fanden die Franzosen nämlich den in meinen Augen perfekten Mittelweg zwischen Moderne und Retro. Da stört mich dann auch die Tatsache nicht, dass es keine manuelle Schaltung für den kleinen Zweisitzer gibt. Denn alle Liebe zum händischen Sortieren der Gänge zum Trotz: Im Stop & Go-Gewurl ist’s so halt immer noch bequemer und wenn es drauf ankommt, bin ich beim Schalten gewiss langsamer als eine Doppelkupplung.

Auch die Motorwahl stimmt mich freudig. Nachdem mich die Gerüchte, dass die Alpine den Clio RS-Motor bekommen würde, kurzzeitig doch etwas beunruhigt haben, freut es mich mit dem 1,8er nun doch etwas mehr Hubraum unter der Haube vorzufinden. Auch 252 PS versprechen ausreichend Vortrieb und einen nicht sofort ins Armenhaus befördernde, steuerliche Belastung gleichermaßen. Wie gesagt: „das rechte Maß“.

 

Roland Scharf: Ruf CTR 2017

 

Ganz ehrlich: Mir können die ganzen Luxus-SUV und Überdrüber-Sportwagen gestohlen bleiben. Für mein persönliches Highlight musste ich also ein wenig genauer hinschauen, denn versteht mich nicht falsch: Ich bin der letzte, der etwas gegen genügend Leistung hat. Sie möge nur bitteschön möglichst schlicht und unauffällig verpackt sein. Schon möglich, dass ich deswegen keinen guten Ruf habe. Aber das ist nicht schlimm. Denn dann kaufe ich mir einfach einen.

Und zwar in Form des CTR 2017. So nennt der deutsche Porsche-Tuner Alois Ruf seine neueste Kreation, die nur für Ahnungslose wie ein kreischgelb lackierter Elfer aussieht. In Wahrheit handelt es sich hierbei nämlich um das erste von Ruf eigens entwickelte Fahrzeug mit Monocoque und Karosserie aus Kohlefaser. Leistung? Über 710 PS, natürlich aus einem Sechszylinder-Boxermotor im Heck. Mehr 30 Stück soll es von diesem 1200 Kilogramm leichten Modell nicht geben, doch warum bitteschön schaut ein brandneues Auto so aus wie ein 30 Jahre altes?

Der Name „CTR 2017“ verräts. Es gab nämlich schon einmal einen CTR. So hieß der erste Biturbo-Umbau von Ruf, der den Spitznamen Yellow Bird bekam, damals wahnsinnige 476 PS leistete und bis heute wohl zu den berühmtesten Elfern unter den berühmtesten Elfern zählt. Wer kennt sie nicht, die Mitschnitte einer Fahrt des gelben Vogels über die Nordschleife, sensationell pilotiert vom Werkstestfahrer, der die Lenkarbeit den Hinterrädern überließ und so locker flockig mit seinen Schlüpfern (inklusive Bommeln) und weißen Socken auf den Pedalen tanzte, als wolle er nur auf einen geschmeidigen Espresso zum Porsche-Stand am Genfer Autosalon pilgern.

Und genau das ist der Punkt vom CTR 2017: Er ist genau so gestört schnell wie die aktuellen Überdrüber-Sportwagen. Er schaut aber bei weitem nicht so übertrieben wild aus.

 

 Andreas Reinsperger: Pagani Huayra Roadster

 

Warum ich mich in den Pagani verliebt habe? Andere Autos sind einfach Autos. Der Pagani Huayra Roadster ist eine fahrbare Skulptur. Allein wenn ich mir diese Kurven anschaue, die so durchtrainiert und trotzdem elegant wirken. Wie gerne würde ich einfach nur mit dem Finger die Seite entlangstreichelt. Doch die absolute Unerreichbarkeit des Huayra lässt mich nicht. Er ist quasi Scarlett Johansson auf vier Rädern. Purer Sex in Carbon gepresst.

Es ist die Liebe zum Detail, die mich dabei so emotional erwischt. Hier sind Spiegel nicht einfach nur ein pragmatisches Anbauteil. Sie drücken, wie alles andere auch, den Charakter des kompletten Autos aus. Filigran, leicht, sexy und sauschnell.

Doch nicht nur die Optik haut einen um. Der von AMG gefertigte 6.0 liter V12 mit 750 PS hat Power ohne Ende und wird mit der vermutlich formvollendetsten Schaltung der Automobilwelt bedient. Wie diese ist auch das komplette Interieur ein Kunstwerk. Metallene Rundungen und organisch gezeichnete Details, die wie aus einem Block gefräst, nein, gegossen wirken.

Gut diese Aufmachung hat mich schon beim „normalen“ Huayra begeistert. Das Ganze jetzt noch in offener Klamotte zu sehen, hinterlässt schon fast einen berauschten Zustand.

 

Tobias Lang: Lamborghini Huracan Performante

 

Mein absoluter Favorit auf der Genfer Autoshow 2017 ist eindeutig der Lamborghini Hurucan Performante. Was ihn dazu macht, lässt sich ganz einfach beschreiben: 6:52:01 – das ist die Zeit die er braucht um eine Runde auf der Nordschleife zu bewältigen. Die Italiener halten also nun wieder den Rundenrekord für Serienfahrzeuge und haben somit den 887 PS starken und viermal teureren Porsche 918 Spyder entthront.

Was bei der vorigen Generation des „kleinen“ Bullen – dem Gallardo – noch Superleggera hieß wurde beim Huracan zu Performante. 30 PS mehr Leistung konnten die italienischen Ingeneure dem 10-Zylinder Sauger entlocken. Die nun 640PS und 700nm lassen den Performante in Kombination mit Allradantrieb und Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe in 2,9 Sekunden von 0 auf Tempo 100 sprinten. Mehr Leistung ist jedoch nicht die einzige Zutat des Erfolgsrezepts. Der „Baby-Lambo“ wiegt außerdem um 40kg weniger – das Eigengewicht wird mit 1382kg angegeben. Weiters wurde auch an der Aerodynamik gefeilt, hier lautet das Stichwort „ALA“. „Ala“ bedeutet auf Italienisch Flügel und ist weiters eine Abkürzung die für „Aerodinamica Lamborghini Attiva“ steht – also ein aktives Aerodynamiksystem das Kanäle an Front und Heck basierend auf Geschwindigkeit und Lenkwinkel individuell öffnet und schließt und so für optimalen Abtrieb sorgt.

Wegen der unschlagbaren Optik, dem tollen Sound und der Tatsache, dass der Huracan Peformante den 918 Spyder – ein Mitglied der „Holy Trinity“ – trotz weniger Leistung und einfachem Saugmotor ohne Hybridsystem, in der grünen Hölle alt aussehen lässt, ist er mein absolutes Highlight auf der Genfer Autoshow 2017.

8 Kommentare

  1. Jungs, danke für eure Ehrlichkeit! Auch wenn es halt ziemlich das Klischee bestätigt, dass Motorjournalisten halt doch Sportwagen mit ordentlich Power (bzw. im Fall der Alpine niedriges Leistungsgewicht) immer noch am besten finden.
    Aber was wäre Journalismus ohne Emotionen?
    Ich find den Lego-GT3 aber auch cool!
    lg
    Rolex

  2. Schön, dass es solche Autos gibt… Ich glaube aber nicht, dass der Mainstream es AA Klienteles sich diese Fahrzeuge kaufen kann.
    Ich finde es immer toll, wenn von Sportautos oder Luxus-Karossen berichtet wird – viel interessanter wären aber Berichte von Kleinwagen bis Mittelklasse. Also jene Fahrzeuge, die unsereiner auch tatsächlich im Alltag kaufen wird.
    Und da sollte man das Augenmerk vielleicht nicht nur auf PS und Sportlichkeit, sondern vielmehr auf Alltagstauglichkeit legen!
    Wie hoch die Kurvengeschwindigkeit ist, ist mir wurscht – aber dass ich keinen Bandscheibenschaden bekomme nicht 😉

  3. Hi Rolex & Oliver,
    Natürlich wird sich das Grand der Menschheit – AA-Leser oder nicht – diese Autos nicht kaufen. Und selbstverständlich ist dieser Artikel für die Entscheidung zur nächsten Familienkutsche recht wertlos. Doch darum geht’s doch hier nicht. 😉
    Ich traue mich zu behaupten dass wurscht ist ob man nun Autojournalist ist oder nicht: Wenn ich mich für das Thema Auto interessiere wird ein Pagani mein Herz immer mehr zum hupfen bringen als ein … keine Ahnung: Suzuki Ignis. Wenn es also darum geht bei einer automobilen Leistungsschau wie dem Genfer Autosalon Highlights herauszupicken, landet man fast zwangsläufig bei den Exoten.
    Doch seid versichert: Wir wissen sehr genau – und das durch unseren Beruf zum Glück aus erster Hand – dass man im Alltag mit dem genannten Ignis nicht nur deutlich besser zum Einkaufen fahren, sondern tatsächlich auch deutlich mehr Spaß haben kann, als mit dem ebenfalls genannten V12-Monster. Und auch worauf es in besagtem Alltag ankommt ist uns mehr als bewusst. Das zeigt sich hoffentlich auch in unseren zahlreichen Tests und Vergleichen.
    Ich bin aber überzeugt, dass es auch ab und an mal erlaubt sein muss träumen zu dürfen – sowohl als Journalist, als auch als einem anderen Job nachgehender Auto-Aficionado. Und wo ginge das besser als bei einer Automesse? 🙂

  4. Volle Zustimmung, Johannes.
    Übrigens finde ich den Mix zwischen Brot&Butter-Autos sowie Exklusiv-Ware (Stichwort Traum-Stories) in den aktuellen Print-Ausgaben absolut passend! Und dass hier im Online-Bereich anteilsmäßig etwas mehr Exotik präsentiert wird, dürfte zum etwas exklusiveren Leserkreis auch gut passen… 😉

  5. Ich mag Panini auch. Vor allem das Album von der Fußball-WM 78

    • Auch die aktuellen Panini mit Mortadella oder Prosciutto sind auch nicht schlecht .-)

      • Ich mag den Paganini auch. Besonders das Op. 6: Concerto Nr. 1 für Violine und Orchester Es-Dur hats mir angetan. 😉

        MfGJ

  6. Apropos Erotik …. wo sind die wirklichen Highlights?!
    Ich kenne Paganini nur so: http://www.lebensmittelfotos.com/2011/10/03/761/

Kommentar abgeben