Glavitzas Gschichtln – Löwinger-Bühne in Belgrad

20. August 2021
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Ein Anruf spätnachmittags im Sommer 1968: Lambert Hofer, gleichnamiger Sohn von Österreichs berühmtestem Kostümverleiher, war am Apparat und fragte mich nicht, ob ich einen Frack für den nächsten Opernball benötigen würde, sondern ob ich Lust hätte, mit ihm des Nachts nach Belgrad zu fahren. Nun, Belgrad lag damals wie heute nicht gerade ums Eck von ­Wien, Autobahnen waren eher rar, doch wir waren während der goldenen Auto-Sechziger von Verrücktheit gesegnet, und so sagte ich, ohne nach dem Warum zu fragen, einfach zu.

Erst auf Höhe Hartberg erklärte mir Lammy, dass in der ­jugoslawischen Metropole ein EM-Rennen für Tourenwagen ausgefahren würde und er einen Start mit seinem Mini Cooper 1300 vorhätte. Der rührige ÖASC-Präsident Willy ­Löwinger hätte auf Bitte des Veranstalters eine Gruppe Österreicher zusammengetrommelt, da sich für das Rennen zu wenig „Westler“ gemeldet hätten. EM-Champion Dieter Quester war, werksverpflichtet von BMW, ohnehin Fixstarter, sonst hatte kaum jemand Lust, die mehr als tausend Kilo­meter auf Landstraßen auf sich zu nehmen. Im letzten Moment gelang es Löwinger, neben Lammy Hofer – dessen Mini wurde vom Mechaniker per Hänger runtergefahren – noch Wiens schnellsten Porsche-Fahrer Peter Peter, genannt „Fäustling“, nach Belgrad zu kommandieren.

Am frühen Morgen erreichten wir mit Hofers Privatauto, ­einem Porsche 911, Belgrad und wurden vom Veranstalter sofort im luxuriösen „Grand Hotel“ zur Ruhe gebettet. Während der Abnahme stellte sich heraus, dass trotz Österreich-Kontingents einfach zu wenige Starter gemeldet waren. Als sie Lammys 911er sahen, baten sie ihn, allen voran BMW-Rennleiter Steinmetz, den Porsche gegen ein Körberlgeld beim Rennen fahren zu lassen. Steinmetz war mit einem Serien-BMW als „Füller“ zwar genannt, wollte aber ein vorzeitiges Ende seines Autos vermeiden. Schließlich musste er damit wieder nach München heimfahren.

Dazu gab es noch eine Anzahl Wartburgs, Trabants und Moskwitschs von Zuschauern, damit wenigstens die Mindeststarter-Anzahl erfüllt war. Aus England waren immerhin zwei Werks-Mini Cooper und Alan Manns Ford Cortina mit Frank Gardner gekommen, dazu zwei schnelle Porsche 911 aus Deutschland. Mit einem ­geborgten Reindl-Helm eines Belgrader Motorradfahrers, ­Lacoste-Leiberl und Jeans mutierte ich augenblicklich zum EM-Starter. Immerhin qualifizierte ich den 911 in die dritte Startreihe.

Beim Training ein erwähnenswerter Zwischenfall: Frank Gardners rotgoldener Cortina fing Feuer. Peter Peter hielt ­sofort an, sprang mit einem Handlöscher aus seinem Wagen und versuchte sich als Feuerwehrmann. In der Aufregung ­vergaß er die Schussrichtung und löschte zuerst einmal Gardners Gesicht. „Double-Peter fucked me up“, war Franks Kommentar. Trotz dieses Zwischenfalls konnte er beim ­Rennen mitfahren. Lammy bat mich, seinen 911 nach fünf Runden abzustellen. Er erinnerte mich, dass wir damit noch einen langen Weg vor uns hätten.

Das Rennen artete dann wie erwartet in ein Stück ähnlich Paul Löwingers Bauernbühne aus. Quester gewann natur­gemäß überlegen und bekam dank meiner Teilnahme die ­vollen EM-Punkte. Dahinter ging’s eher lustig zu. Die Zuschauer kreuzten vor Begeisterung ständig die zur Rennbahn umfunktionierte Straße – prompt wurde einer der Enthusias­ten vom Mini John Rhodes‘ erwischt und verschwand stillschweigend in einem Belgrader Spital. Die Cooper-Mannschaft fürchtete gröbere Wickel mit der Polizei, lud ohne ­Aufsehen rasch ihre Rennwagen in den Transporter und verschwand gegen Norden. Gardners Cortina streifte einen Trabant, der mit dicken Rauchwolken die Rennbahn vernebelte und ohne jede Vorwarnung mit 40 km/h auf der langen Geraden plötzlich die Fahrspur wechselte.

Wie auch immer, nach den vereinbarten fünf Runden stoppte ich Lammys Porsche an den Boxen, öffnete die ­Motorhaube, rüttelte an einigen Kabeln, schüttelte den Kopf und gab dem Jawa-Fahrer seinen Reindl-Helm zurück. Die beiden deutschen Porsche mussten gegen Rennende nachtanken – der schlaue Peter „Fäustling“ Peter hatte einen größeren Tank im 911er, fuhr die volle Distanz durch und landete einen Klassensieg. Auch Lammy Hofer sah sich plötzlich von den beiden Werks-Cooper befreit und erhielt an die 10.000 Schilling plus wertvolle EM-Punkte. Ich bekam für meine ­Bemühungen immerhin wohlfeile 2500 Schilling – und durfte als Dank für meine Verdienste den 911er bis Wien fahren.

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