Lamborghini Huracán Spyder (&) das letzte Einhorn

11. Mai 2017
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Downsizing, NoVA, CO²-Strafsteuer, Turboaufladung … lauter schirche Wörter. Und doch sind alle Teil unserer Realität. Einer, der man gerne mal entkommen möchte. Am liebsten in eine eitle Märchenwelt ohne all diesem Schmarrn. Eine, in der es noch Einhörner und frei atmende V10-Motoren in einem Auto ohne Dach gibt …

Wir haben diese Märchenwelt gefunden … sie heißt 100tage Sommer, liegt südlich von Wien und ist eigentlich ein Freibad und Event-Gelände mit Sandstrand. Für uns aber war sie der Himmel – zumindest wenn es darum ging den Lamborghini Huracán LP610-4 Spyder abzulichten. Also einen in der heutigen Zeit Auto-gewordener Ausdruck der Unvernunft: Der Kofferraum ist kaum nennenswert. Der Platz im Innenraum ebenso wenig, obwohl mal dort sogar auf Getränkehalter verzichtet hat. Außerdem sind die Sitze ziemlich unbequem bzw. ein bisserl zu hoch und der Verbrauch ist so enorm, dass er nur zum selbst umrechnen in der kryptischen Form von km/L angezeigt wird. Überhaupt – reden wir mal übers Geld: Jede Kleinigkeit kostet extra (Bluetooth kommt auf 1.064 Euro, die Parktronic samt Rückfahrkamera auf 4.265, das Navi auf 3.496,- und das für den Stadt-Alltag unerlässliche Nose-Lift-System auf 7.448,- Euro) und die NoVA ist mit 73.561,26 Euro so exorbitant, dass man sich allein darum mühelos einen brandneuen Porsche 718, BMW M2 oder Alfa Romeo 4C kaufen könnte.

 

Trotzdem: Um den Sommer hier und heute offiziell mit einem Strandshooting zu eröffnen, hätten wir uns nichts Schöneres vorstellen können, als es mit dem Lamborghini Huracán Spyder zu tun. Wobei „Schöneres“ vielleicht das falsche Wort ist. Immerhin entsprechen die Autos aus Sant’Agata Bolognese kaum der klassischen Entsprechung von „schön“. „Cool“, ja. „Geil“ auch. „Rattenscharf“? Vielleicht … wenn man dieses Wort verwendet. Aber „schön“? Eher nicht. Doch darum geht’s hier jetzt ja ebenso wenig wie um seinen Preis: Der Huracán Spyder ist nicht aufgrund seines Looks eines der letzten Auto-Einhörner, sondern wegen dem frei atmenden V10, der tief unter der betörenden Mischung aus Blech, Kohlefaser und Lack hinter der Fahrgastzelle seinen Dienst verrichtet.

Was für ein Sahnestück von einem Motor. Bis rund 9000 Umdrehungen lässt er sich hochdrehen, die Leistungsspitze von 610 PS ist erst bei 8.250 Touren erreicht. Dort angekommen klingt der Zehnzylinder so infernalisch, dass selbst die Katzen der Nachbarortschaft noch panisch auf Bäume klettern, wenn man ihn ausdreht … oder auch nur anstartet. Natürlich ist er aber nicht nur akustisch eine Wucht – er geht auch entsprechend. Klassisch „Sauger“ begeistert er mit einem herrlich linearen Kraftaufbau. Schon ab 3.000 Touren wird überaus kräftig angeschoben, bei 5.000 bekommt man dann langsam Angst, bevor man ab 8.000 glaubt einen Spaceshuttle-Start mitzuerleben. Das Resultat ist zwangsläufige Ekstase, gefolgt vom endgültigen Autogasmus, wenn man via an der Lenksäule montierten Schaltpaddles den nächsten Gang reinhaut.

 

Ein Prozess, den die Abgasanlage gern mit einem lauten Knall quittiert, der einem darüber hinaus – Doppelkupplung sei Dank – aber nur bedingt das Genick zu brechen versucht. Überhaupt kann der Lambo durchaus auch „kultiviert“. Verkneift man sich den via Schalter am Lenkrad erledigbaren Wechsel in Sport oder Corsa-Modus, bleibt also in Strada, lässt es sich sogar recht gemütlich cruisen. Die Automatik läuft dann schon ab rund 50 km/h im siebten und somit höchsten Gang, die Abgasklappe bleibt zu, das optionale, dynamische Fahrwerk entkrampft sich. Das entstehende Gesamtbild ist freilich immer noch weit weg von einer Sänfte, in so manchem auf Sport getrimmten Kompakten – ganz zu schweigen von Autos wie einem MX-5 – geht’s aber deutlich ruppiger und holpriger zu als im Huracán.

Verdanken darf die kaufkräftige Kundschaft das wohl auch der sonst im Innenraum durchaus merklichen Audi-Verwandtschaft (Stichwort MMI). Dabei stechen die direkt aus Ingolstadt übernommenen Teile lustigerweise vorwiegend dadurch hervor, dass sie Sinn machen und perfekt funktionieren. Viele Lamborghini-exklusiven Parts tun das nämlich nur bedingt. Dass man den Schalter fürs Dach zum Öffnen runterdrücken und zum Schließen hochziehen muss beispielsweise, findet man wohl nur in Sant’Agata wirklich logisch.

 

Überraschend gut funktionieren hingegen die anderen Lambo-Eigenheiten: Die Tatsache etwa, dass bei den Automatik-Wahlelementen kein „Drive“-Knopf zu finden ist, sondern zum Vorwärtsfahren einfach der Gang-hoch-Hebel an der Lenksäule betätigt werden muss. Sogar mit der Blinkerbedienung über einen Kippschalter am Lenkrad kommt man irgendwann mal gut zurecht. Vor allem aber tragen sie alle ihren Part dazu bei, den Wagen noch charismatischer, eigenständiger, cooler, einfach „einhorniger“ zu machen.

Immerhin ist dieser Huracán Spyder kein Auto, das im Berufsverkehr entschleunigend wirken, ab dem nächsten Facelift autonom fahren und dabei die Eisbären retten soll. Er ist eine brachiale Fahrmaschine wie aus früheren Zeiten, die gerade modern genug ist, dass man sich dabei auch als Semi-Profi nicht gleich bei der ersten Haarnadelkurve umbringt – Allrad und in vier Stufen regelbare Stabilitätshelferlein sei Dank. Er ist ein magischer Anblick, der vor allem auf Buben jeden Alters den selben Effekt hat: totale Verzückung, als wäre gerade ein Einhorn an einem vorbei galoppiert.

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