Rallye seinerzeit: Franz Wittmann und der Polizist

18. Januar 2021
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Obwohl bereits seit der Erdölkrise 1973 Tempo 100 auf Freilandstraßen gesetzlich verankert war, galt bis spät in die siebziger Jahre Schnellfahren als Kavaliersdelikt, gewissermaßen ein Leistungsbeweis für fahrerische Kompetenz. Auf dem Beifahrersitz im Wagen des damals noch jugendlich-stürmischen Rallyetalents Franz Wittmann reagierte ich ziemlich erschrocken, als Wittmann in verwegenem Drift nach einer unübersichtlichen Kurve von einem Polizisten (damals natürlich ein Gendarm) abgewunken wurde.

Wittmann ohne Führerschein, überlegte ich, was wird aus seiner Karriere? Doch der Gendarm, er kam offenbar aus der Nachbargemeinde, schnauzte den Rallye-Jungstar nur an: „Sag, wennst net schneller fahren kannst, wirst bei der Rallye am nächsten Wochenende nix g’winnen, du Würschtl.“

Wittmann schaffte es dennoch, entgegen der pessimistischen Prognose des Amtskappelträgers, der erfolgreichste Rallyefahrer Österreichs zu werden. Der Holzkaufmann aus der niederösterreichischen Ramsau bewies zudem schon in jungen Jahren auffallendes PR-Talent. Regelmäßig lud er Freunde und Journalisten zu sich ins elterliche Haus.

Während Mutter Wittmann aufkochte, setzte der Franz seine Gäste, einen nach dem anderen, auf den Beifahrersitz seines Rallyeautos und räuberte in mittlerem Renntempo über die heimatlichen Forststraßen. Journalisten, die spektakulär driftende Rallyeautos üblicherweise nur von außen bewundern durften, gewannen aus der Perspektive des Beifahrers unvergessliche Eindrücke.

Im Winter 1985 präsentierte Wittmann auf diese Weise seinen neuen Werks-Golf. Als die Wittmann-Fangemeinde ihr aufwühlendes Fahrerlebnis bereits hinter sich gebracht hatte, schoss Kronen Zeitung-Fotograf Peter Tomschi noch Werbebilder: der Rallye-Golf im vollen Drift, Franz hinter dem Steuer. Wittmann bat einen seiner Gäste, den Wiener Leuchtenhändler Gerhard Stasek, sich an die Außenseite der Kurve zu stellen und einen jubelnden Fan zu mimen. Die Fotos sollten schließlich echt wirken.

Fünfmal trieb Wittmann den Golf um die Spitzkehre. Fotograf Tomschi, der neben Stasek stand und knipste, war unzufrieden. „Jetzt mach ich mit dem Wittmann schon seit drei Jahren Fahraufnahmen, und der große Meister weiß immer noch nicht, wo er das Auto querstellen muss, damit die Bilder gut werden“, knurrte der Krone-Mann, leicht genervt, zu Stasek. Man brach die Zelte ab.

Anschließend, während im Haus die Speisen kredenzt wurden, entschuldigte sich Wittmann beim Foto-Statisten Stasek. „Tut mir leid, Herr Stasek, dass die Knipserei so lange gedauert hat. Der Tomschi macht mit mir schon seit drei Jahren Rallyefotos. Aber er weiß immer noch nicht, wo er sich in der Kurve hinstellen muss, damit die Bilder gut werden.“

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Foto: Volkswagen Motorsport

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