Spieletest: DiRT 4

22. Juni 2017
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Feature

Rennspiel ist nicht gleich Rennspiel. Obwohl es wohl oder übel immer darum geht, möglichst schnell gewisse Strecken zurückzulegen, so gibt es in den darüber hinausgehenden Details doch viele, maßgebliche Unterschiede. Zum Beispiel den Realismusgrad. Manche Spiele halten sich nur sehr grob an die Regeln der Physik und stellen klar den Spaß am schnellen Fahren in den Vordergrund. Andere wiederum nehmen es deutlich genauer und begeistern vor allem dadurch, dass der Spieler ein tatsächlich realitätsnahes Erlebnis geboten bekommt. Nun kommt es im Laufe der Zeit bei Rennspielserien durchaus mal vor, dass sich der Fokus des Spiels auf der Skala zwischen diesen beiden Extrempolen verschiebt. Bei DiRT zum Beispiel: DiRT3, das 2011 erschienen ist beispielsweise, legte mit poppigem Look und heißen Gymkhana-Events den Fokus klar auf Arcade-Spaß. Dirt Rally hingegen, das erst voriges Jahr auf den Markt kam, war vor allem für Simulationsfans gedacht. Nun soll DiRT 4 beide Lager glücklich machen. Ein schwieriger Spagat – aber kein unmöglicher.

Möglich macht’s ein simpler Trick: In DiRT4 wartet nicht bloß ein Fahrverhalten, sondern gleich zwei. Ein Umstand, der einem gleich zu Beginn des Spiels bewusst wird – immerhin muss man sich zu aller erst entscheiden: Was darfs sein? „Simulations“- oder „Gamer“-Handling? Also beinharter Realismus oder doch ein etwas weniger unbarmherziges Physikmodell? Die Unterschiede sind jedenfalls recht deutlich, die Wahl aber nicht endgültig. Man kann jederzeit über das Optionsmenü zwischen den beiden Handling-Modellen wechseln. Damit aber noch nicht genug. Das Spiel bietet euch darüber hinaus noch zahlreiche weitere Möglichkeiten das Gameplay weiter auf eure Bedürfnisse anzupassen: ABS, Traktionskontrolle, Stabilitätskontrolle, Stärke der KI-Gegner, Schadensmodell … das alles und noch mehr lässt sich meist in mehreren Stufen regulieren, um euch die perfekte Spielerfahrung zu bieten.

Damit wird tatsächlich die volle Bandbreite abgedeckt: Echte Hardcore-Cracks freuen sich also über volle Unterstützung aller gängigen Lenkräder, zahlreiche Fein-Kalibrierungsmöglichkeiten selbiger und ein echt realistisches Fahrverhalten, während auch absolute Neulinge – zur Not auch mit der Tastatur als Steuergerät, schnell erste Erfolgserlebnisse genießen können. Vor allem auch, weil hier eine Fahrschule auf euch wartet, die ihren Namen tatsächlich verdient hat: In vielen Einzel-Lektionen könnt ihr in aller Ruhe erkunden, wie genau Lastwechsel, unterschiedliche Beläge und diverse Manöver eigentlich so auf das Auto wirken und ohne den Druck in einem Rennen zu stecken, den Umgang mit den Rallyboliden lernen.

 

Mein Haus, mein Auto, mein Mechaniker … 

Herzstück von DiRT 4 ist der Karrieremodus, der in Sachen Umfang und Verlauf nicht viel besser hätte ausfallen können: Erst noch in fremden Autos unterwegs, könnt ihr schon bald euer eigenes Team gründen; legt die Teamfarben und Beklebungen fest, heuert Mechaniker, PR-Leute und Co-Piloten an, unterschreibt Sponsoren-Verträge und startet in eure ersten Wettbewerbe. So sammelt ihr – man ahnt es schon – nach und nach mehr Geld und Bekanntheit, um euch dann neue Autos anzuschaffen (50 gibt es übrigens insgesamt im Spiel), bessere Leute anzuheuern, eure Team-Zentrale baulich zu erweitern und neue Lizenzen freizuschalten und so auch andere Bewerbe fahren zu dürfen. Das alles ist, obwohl durchaus komplex, so herrlich übersichtlich und schlüssig aufgebaut, dass man es auch nach Stunden nicht als lästig empfindet, sondern einfach nur als unglaublich motivierendes Beiwerk zwischen den packenden Rennen.

Wo Licht ist, ist aber auch Schatten. Zumindest für Fans von DiRT 3: Im Vergleich zu der Vielfalt an unterschiedlichen Rennserien, die dort noch geboten wurde, fällt die Auswahl in DiRT 4 nämlich eher mager aus: Rally, Rally-Cross (hier mit der Original-Lizenz und somit allen aktuellen Fahrern!), Landrush (Fahren mit Buggys und Trucks) – Ende. Hier gab es in Teil 3, z.B. mit Gymkhana und Trailblazer-Rennen, mehr zu tun.

Das heißt aber freilich nicht, dass einem in DiRT 4 schnell langweilig wird. Ganz und gar nicht. Im Grunde bietet das Spiel nämlich theoretisch unendlich viel Content: Dem „Your Stage“ genannten Streckeneditor sei Dank: Ein paar Faktoren ausgewählt und schon habt ihr eine brandneue Strecke vor euch, die ihr in Angriff nehmen könnt … auch wenn diese nicht sonderlich „lebendig“ wirken und es leider nur fünf Locations im Spiel gibt: Wales, die USA, Australien, Schweden und Spanien. Ein bisschen mehr Abwechslung wäre hier nett gewesen.

 

Aus dem Leben gegriffen

Absolut nichts zu meckern haben wir hingegen beim Fahrverhalten der Autos. Egal ob nun im Simulations- oder im Gamer-Modus: Die Physik des Spiels ist stets gut nachvollziehbar und schlüssig – unterschiedliche Grip-Niveaus je nach Wetter und Untergrund werden glaubhaft simuliert. Auch das Schadensmodell weiß zu überzeugen: Von kosmetischen Lackschäden bis hin zum Verlust kompletter Teile des Autos ist alles möglich. Dabei sei erwähnt, dass es das aus so manch früheren Codemasters-Rennspielen bekannte Rückspul-Feature nicht mehr gibt. Je nach Schwierigkeitsgrad-Einstellung habt ihr lediglich die Möglichkeit eine Stage oder ein Rennen neu zu starten – auch das aber nicht unbegrenzt oft. Wie oft das geht, legt ihr wiederum auch über die Schwierigkeits-Einstellungen fest. Wer also in der letzten Kurve noch von der Strecke fliegt und keine Restarts mehr übrig hat, hat schlichtweg Pech gehabt … wie im echten Leben eben auch.

Apropos „echtes Leben“: In dieser Hinsicht kam ein nettes, neues Detail hinzu. Sobald ihr nämlich über die Ziellinie gebrettert seid, ist das Rennen bei einer Rally-Stage noch nicht vorbei. Damit eure Zeit gewertet wird, müsst ihr es dann auch noch innerhalb eines bestimmen Zeitlimits zum Marshal schaffen und neben ihm stehen bleiben. Wer also auf der Jagd nach den letzten Hundersteln eher über die Ziellinie detoniert als fährt, kann eventuell immer noch disqualifiziert werden. Cool.

 

Weniger cool sieht es bei einem Blick auf die Technik aus: Hier reicht es nur für das Prädikat „solide“. Die Ego-Engine, die nun bei Codemasters schon seit vielen Jahren zum Einsatz kommt, kann eben nicht mehr so wirklich mit aktuelleren Schöpfungen wie etwa dem Technikgerüst hinter Project Cars 2 oder Forza mithalten. Dafür kann DiRT4 aber immerhin für sich verbuchen, dass es auf der PS4 (unsere Testplattform #1) absolut flüssig läuft – und das jederzeit. Auch am PC (Testplattform #2) fällt das Alter der Engine mit seinen verhältnismäßig niedrigen Hardwareanforderungen durchaus auch positiv auf. Zudem ist der Sound im Spiel ziemlich gut gelungen. Die Motorengeräusche sind OK, viele Hintergrundgeräusche wie das Heulen der Getriebe und das Prasseln der Steine am Unterboden gut aufgenommen und abgemischt. Auch der Soundtrack ist stimmig.

 

FAZIT

In ihrem Begehr, alle (also Simulations-Fans, Arcade-Freunde und Neueinsteiger) glücklich machen zu wollen, hat Codemasters mit DiRT4 sicherlich kein perfektes Spiel abgeliefert, aber immerhin das bestimmt beste Rally-Game bis dato. Egal ob auf der Konsole oder am PC, egal ob mit Controller oder voll unterstütztem Force-Feedback-Lenkrad: DiRT4 weiß immer zu unterhalten und bietet mit einer motivierenden Karriere und quasi unendlichem Content sehr, sehr viel für sein Geld. Um es auf den Punkt zu bringen: Rally-Fans und solche, die es noch werden wollen, sollten zuschlagen.

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