Traumauto Test Maserati Grecale Trofeo

9. August 2023
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Aktuelles

Bisher war der Unterschied in den Philosophien von Ferrari und Maserati glas­klar: Betucht musste man als Käufer in beiden Fällen sein, doch während die Modelle aus Maranello nichts lieber taten als aufzufallen, zeigten Dreizack-Vertreter das genaue Gegenteil, nämlich gepflegtes Understatement. Und nun rollt als blechgewordene Antithese zu ­diesem vermeintlich ehernen Grundsatz ein froschgrüner ­Maserati Grecale Trofeo auf den Hof der Redaktion – ein quietschbunter Auftritt, der durch die knallrote Lederpolsterung noch das Tüpfelchen auf dem i erhält. Haben Maserati-Aficionados ihre jahrzehntelang liebevoll gepflegte Dezenz über Bord geworfen? Kann sein, muss aber nicht, denn natürlich ist der Grecale auch in sehr zurückhaltenden Farbkombinationen bestellbar. Unabhängig von der Lackierung stammt der Name des kleineren Levante-Bruders von einem strammen Wind, der aus Osten, also aus Griechenland, nach Süditalien herüberweht.

Sieht man dem Grecale genau in die Scheinwerfer-Augen, stellt man zwei Dinge fest: Erstens, positiv, dass es endlich einen leistungsstarken SUV gibt, der ohne übertrieben aggressives G’schau auskommt. Und zweitens, eigenwillig, dass man sich für das Front-Design ganz offensichtlich den mehrere Klassen darunter angesiedelten Ford Puma zum Vorbild ge­nommen hat. Wenigstens besteht zwischen dem 4,85 Meter langen und 530 PS starken Topmodell ­Trofeo und dem kleinen Ford-SUV keine wirkliche Verwechslungs­gefahr. Doch wenn wir schon bei Verwandtschaftsverhältnissen sind: Zum ­Puma pflegt der Grecale natürlich keines, wohl aber zu den Alfa-Modellen Stelvio und Giulia, mit denen er sich die Plattform teilt. Ein seri­enmäßiges Luftfeder-Fahrwerk steht dabei allerdings nur dem Maserati zur Verfügung.

 

High-End-Fahrwerk

Trotzdem will man auf den ersten gefahrenen Metern nicht an dessen Funktionstüchtig­keit glauben, weil das Popometeter mit gefühlt jedem Kiesel und jedem Kanaldeckel Kontakt aufnimmt. Verstärkt dadurch, dass der Trofeo immer im wildesten Modus („GT“) startet, erst das Umschalten auf „Comfort“ entschärft die Ange­legen­heit etwas. So richtig offenbart das adaptive High-End-Fahrwerk seine Qualitäten dann bei flotter Fahrt: Souverän werden lange Wellen gebügelt, die Wankneigung tendiert gegen null. Zum feinen Fahrerlebnis tragen neben dem hecklastig ausgelegten Allradantrieb und der perfekt gewichteten Lenkung auch der so weit hinten wie möglich montierte Motor bei, was für ausgeglichene Gewichtsverteilung sorgt.

Jener „Nettuno“ genannte V6 wurde erstmals im Jahr 2020 im Supersportwagen MC20 präsentiert. Zwar verfügt er im Grecale nicht über Trockensumpfschmierung, die auch bei extremer Querbeschleunigung für sichere Ölversorgung sorgt, doch das Prinzip ist das gleiche: Pro Zylinder gibt es neben der eigentlichen Brennkammer auch eine Vorkammer, dank Doppel-Einspritzsystem kann der Kraftstoff hier wie dort mit bis zu 350 bar eingeschossen werden. Somit verfügt der Motor über direkte und ­indirekte Einspritzung, was je nach Fahrzustand zur Erhöhung der Leistung oder zur Senkung von Verbrauch und Abgasemissionen genützt wird. Selbstverständlich erwähnt Maserati bei jeder Gele­­genheit, dass dieses Prinzip aus der Formel 1 stammt. Dazu kommt auch noch die Zylinder-Abschaltung, die bei wenig Leistungsabruf eine der beiden Zylinderbänke stilllegt.

High-Tech

Jede Menge High-Tech also, die allerdings auch nicht verhindern konnte, dass wir im Test kaum unter zwölf Liter Verbrauch kamen – über zwei Tonnen Lebendgewicht und fette Gummiwalzen lassen grüßen. Dafür ist das Triebwerk drehfreudig, bissig und kraftvoll ohne Ende. Die bewährte Achtgang-Automatik von ZF erweist sich auch hier als kongeniale Partnerin: Von sanft und geschmeidig bis schnell und sogar ruppig hat sie – je nach Gaspedal-Stellung und Fahr-Modus – so ziemlich alles im Repertoire. Etwas deplatziert wirken die Getriebewahl-Tasten mitten in der Mittelkonsole, aber immerhin wurde damit der Platz zwischen den Vordersitzen für Ablagen freigeräumt. Übrigens ist das Raumangebot generell sehr großzügig, im Fond gibt es sogar fürstliche Bewe­gungsfreiheit, mehr als in den meisten Konkurrenz-Modellen.

Was den Sound betrifft, wandelt sich die Charakteristik je nach gewähltem Modus: Gera­de noch erträglich für die Nachbarn spielt es ebenso wie bösen Ballermann oder große italienische Oper. Jene Emotionen, die man von einer Marke wie Maserati er­wartet, bringt der Grecale Trofeo also locker mit. Auch ganz ohne froschgrünes Gewand – das übrigens gar nicht dem regulären Angebot entspricht, handelt es sich doch um eine Spezial-Folierung des österreichischen Importeurs.

Daten & Fakten

Basispreis in € 145.757,–
Zyl./Ventile pro Zyl. 6/4
Hubraum in ccm 2992
PS/kW bei U/min 530/390 bei 6500
Nm bei U/min 620 bei 3000–5500
Getriebe 8-Gang-Aut.
L/B/H, Radst. in mm 4859/1979/1659, 2901
Kofferraum/Tank in l 570 / 64
Leergewicht in kg 2027
0–100 km/h in sec 3,8
Spitze in km/h 285
WLTP-Normverbrauch in l (kombiniert) 11,2
CO2-Ausstoß in g/km 254