Wolfgang Denzel und der „Kurier“

6. April 2020
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Das Auto als feste Stütze des österreichischen Wirtschaftswunders in den sechziger und siebziger Jahren bescherte etlichen Importeuren und Händlern Wohlstand und Reichtum. Nur wenigen gelang es freilich, ökonomische Fundamente für eine halbe Ewigkeit zu legen wie dem Geschäftsmann, Konstrukteur und Rennfahrer Wolfgang Denzel, dessen Konzern auch lange nach seinem Tod im globalisierten Autogeschäft noch erfolgreich wirtschaftet.

Als Gründerpatriarch ließ Wolfgang Denzel selbst dann in seiner Firma nur wenig Demokratie zu, als der Betrieb schon in Richtung Konzern unterwegs war. Die Mitarbeiter näherten sich dem Chef nur in gebeugter Haltung, und wenn sich seine Wutanfälle akustisch über die Gänge auszubreiten begannen, bogen die meisten Bücklinge sicherheitshalber gleich im Stiegenhaus ab.

Es war im Jahr 1972, als Ludwig Polsterer seine Kurier-Anteile an eine Kommanditgesellschaft unter Führung des Styria-Verlages verkaufte. Denzel war einer der Geldgeber, und in der Autoredaktion des »Kurier« fürchteten Ängstliche bereits um die Unabhängigkeit ihrer Testberichte. Als dann bei einem Autovergleich zwei Marken, die Denzels Firma importierte, auf den beiden letzten Plätzen landeten, passierte (Überraschung!) nichts. Vorsichtiges Nachfragen eines Kurier-Redakteurs im zumeist gut informierten Sekretariat der Presseabteilung des Denzel-Hauses am Parkring brachte zumindest vorläufige Entwarnung: »Der Herr Kommerzialrat hat den ‚Kurier’ noch nicht gelesen.« Da das Erscheinen des Testberichts allerdings bereits fünf Wochen zurücklag und der »Kurier« eine Tageszeitung war, heiterte sich die Miene des Motorchefs Alfred Prokesch allmählich auf. Die Sturmwarnung konnte zurückgenommen werden.

Ich lernte Wolfgang Denzel auf einem Flug nach München kennen. Als ich mich höflich mit »Grüß Gott, ich bin Günther Effenberger vom Kurier« vorstellte, musterte mich Denzel mit dem Blick eines Adlers und sagte dann zackig: »Sie gehören ja jetzt mir.« Das war das einzige Mal, dass der alte Denzel darauf anspielte, Miteigentümer des »Kurier« zu sein. Der im Flugzeug neben mir sitzende Gerhard Hertenberger, Motorredakteur der »Arbeiter Zeitung«, murmelte in Denzels Richtung, aber vorsichtshalber doch so leise, dass er sicher sein konnte, der stramme Kommerzialrat würde es nicht hören: »Leibeigene gibt es nicht mehr, Herr Denzel, seit die Sozialisten in Österreich etwas zu reden haben.«

www.buch-effenberger.at

Foto: Ing. Peter Denzel

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