Glavitzas Gschichtln – Zuerst brav lernen

21. September 2021
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Die Geschichte des Automobilrennsports kennt einige Giganten, und innerhalb dieses erlesenen Kreises ragen zwei für mich besonders hervor: Juan-Manuel Fangio und sein Dirigent Alfred Neubauer. Geboren in Titschein, damals k.u.k. Österreich, heute Nový Jičín, avancierte der wohl­beleibte Neubauer nach einer Karriere als Rennfahrer zu ­einem der berühmtesten Rennleiter der Geschichte – un­vergesslich „der Dicke“ mit den von ihm erfundenen Tafeln knapp an der Strecke stehend, um den vorbeirasenden ­Silberpfeilen Rundenzeiten und Positionen anzuzeigen.

In den Tageszeitungen wurden Autorennen kaum be­achtet, außer es hatte ordentlich geknallt. Ich vergeudete damals wertvolle Lebenszeit in der Unterstufe des Brucker Gymnasiums mit wenig Interessantem wie Schillers ­„Glocke“ oder noch Überflüssigerem wie lateinischen ­Dek­linationen. Der Elternsprechtag glich jedes Mal einem ­Gemetzel – mein Banknachbar Dietrich Mateschitz, damals ­täglich aus St. Marein/Lorenzen nach Bruck angereist, war da viel schlauer als ich. Er lernte sich schlecht und recht und vor allem unauffällig durch die Jahre bis zur Matura. Er war auch nicht so gepeinigt wie ich – der junge Glavitza ­wollte schließlich Rennfahrer werden. Didi träumte damals sicher noch nicht von roten Bullen. Jede Woche verschuldete ich mich bei Klassenkollegen, um am Mittwoch an der ­Trafik am Brucker Minoritenplatz die neueste Ausgabe von „Auto, ­Motor und Sport“ zu kaufen. Die Schulden arbeitete ich mit Laubbaum-Zeichnungen oder rührigen Aquarellen vom ­barocken Stadtbrunnen während der Zeichenstunden ab.

Nach einem englischen Grand Prix – Fangio rammte mit dem Silberpfeil ein zur Streckenbegrenzung umfunktioniertes Blechfass von der Piste – beschloss ich zum Entsetzen meiner Eltern, Rennfahrer zu werden, und verfasste einen Brief mit der schlichten Adresse: Alfred Neubauer, Mercedes-Rennleiter, Deutschland. Heute unfassbar – so ein merkwürdiges Poststück würde sich im Zeitalter der Computercodes vor Scham schon im Briefkasten einrollen und stante pede von Beamtenhand entsorgt werden.

Mein mit Füllfeder geschriebenes und mit Rechtschreibfehlern gespicktes Schreiben fand jedoch zur Überraschung aller seinen Adres­saten. Nach wochenlangem Schweigen schlüpfte ein fülliges Kuvert aus Untertürkheim durch den Briefschlitz in die Obersteiermark. Meine Mutter schüttelte den Kopf, sie wusste von keiner Verwandtschaft im Schwabenland, und als sie meinen Namen las, fürchtete sie schon Böses. Ich aber ­bemerkte am Kuvert den Daimler-Benz-Firmenaufdruck und spürte den Anstieg meines Herzschlags. Schon sah ich mich am Kapfenberger Bahnhof den Zug nach Stuttgart besteigen und überlegte, ob bei Mercedes Rennoveralls und Sturz­helme in meiner Größe vorrätig wären.

Neben einem Packen frisch unterschriebener Fotos von ­Juan Manuel Fangio, Karl Kling sowie Stirling Moss und ­damals kostbaren und unbezahlbaren „Nadeln“ (Mercedes-Stern für das Sakko-Revers): ein Brief! Ich trug dieses für mich heilige Schreiben wie Moses die steinerne Tafel, aber nicht zum Berg Sinai, sondern in mein Kabinett, legte mich auf die Couch und las … und las … und las. Mit der Rennfahrerei wäre es noch etwas zu früh, räsonierte der berühmte Schreiber dieser Zeilen, aber – und nun kommt’s: Bevor ich auch nur einen Gedanken daran verschwenden sollte, möge ich doch bitte zuerst ein „anständiger Schüler“ (was immer ­Neubauer darunter verstanden hatte) sein und „zur Freude meiner Eltern brav lernen“ (wörtliches Zitat). Nach der Matura dürfe ich mich wieder melden.

Drei Jahre später flog ich wie der Baron von Münchhausen, aber ohne Kanonenkugel von der Schule – und getraute mich nicht mehr, mich zu melden. Erst mehr als zehn Jahre später, als Alfred Neubauer mit donnernder Stimme die erste Jochen-Rindt-Rennwagenschau im Wiener Messepalast eröffnete, traf ich ihn am Abend bei der exklusiven Soiree in der Wohnung der Messegestalterin Eva-Maria Wazek und erzählte ihm die Geschichte. Er lachte, ließ seine schwere rechte Hand auf meine Schulter krachen, dass ich mir um mein Schlüsselbein ernsthafte ­Sorgen machte, und schrieb mir die Zeilen auf dieses Bild (siehe oben), das ich noch immer wie eine Reliquie hüte.

Foto: Daimler AG

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