Kommentar: Ferdinand Piëch – der letzte Macher

18. September 2019
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Aktuelles

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“. Der Satz schlug 2015 ein wie eine Bombe. Der Allmächtige hatte gesprochen, alle übten sich im Deuten und Rätseln. Heute können wir sicher sein: Ferdinand Piëch hatte den Abgas-Betrug frühzeitig spitzgekriegt und vorausschauend die Leine zu seiner Nummer zwei in der VW-Hierarchie gekappt.

Wie Piëch zu der Information kam, ist nicht schwer zu erahnen. Er war der letzte Inge­nieur, der das Automobil ganzheitlich verstanden und beherrscht hat. Ein umfassender Generalist in einer Welt des immer engmaschiger werdenden Spezialistentums. Und wenn Gott (also der Aufsichtsratsvorsitzende) einen der Apostel (einen Abteilungsleiter beispielsweise) anruft und sich erkundigt, ob mit den Abgas-Wundern seines Stellvertreters auf Erden eigentlich alles mit rechten Dingen zugeht, dann kann ihn der schlecht anlügen – weil der Big Boss sich eben viel zu gut auskennt. Also hörte er wohl die unangenehme Wahrheit und ging schon vorsorglich auf Distanz, bevor die Chose wenige Monate später aufflog. Weil er die Gründe für sich behielt und nicht einmal die Familie informierte, wurde daraus schließlich ein Rückzug von sämtlichen Schalthebeln der Macht.

Wie auch immer die Befehlskette zur Programmierung der Schummel-Software ausge­sehen haben mag – so weit, dass ein von ihm ausgehendes Angst-Regime im Konzern den Boden dafür bereitet hatte, ging die Selbstreflexion des Allmächtigen wahrscheinlich nicht. Von seinen Mitarbeitern scheinbar Unmögliches zu fordern um das maximal Mach­bare zu bekommen, war Piëchs Credo. Der Druck, keinesfalls scheitern zu dürfen, dehnte irgendwann auch die moralischen Grenzen. Und so nahm der Duft des Fisches auch hier vom Kopf seinen Ausgang – auch wenn der davon nichts mehr wissen wollte.

Auf der Habenseite Piëchs stehen allerdings Positionen, mit denen er nicht nur den eigenen Konzern, sondern die ganze Branche und das Automobil selbst geprägt hat. Er schaffte es als erster, dem Allradantrieb die Latzhose auszuziehen – die Domestizierung des 4WD für den Pkw machte das Fahren sicherer und rettet bis heute unzählige Leben. Karosserien komplett aus Aluminium zu fertigen hielten selbst Experten für unmöglich – bis Piëch ihnen zeigte, wie es geht. Dass er diese Technik später zugunsten von Platt­form-System und Kostenrechnung wieder sang- und klanglos entsorgte, ist sympto­ma­tisch für seine Emotionslosigkeit selbst den eigenen Schöpfungen gegenüber.

Ferdinand Piëch hat in seiner Laufbahn Familien-Gebote gebrochen, die Physik bezwungen und die Regeln der Wirtschaft neu geschrieben. Was ihm nicht gelungen ist: den Zeitpunkt für einen eleganten Rückzug zu erkennen – womit er sich in guter Gesell­schaft mit vielen Mächtigen aller Zeiten befindet. Die ihm stets nachgesagte Gefühls­kälte wird zumindest mit dieser zutiefst menschlichen Schwäche widerlegt. Angeblich fand der letzte große Macher aber durchaus Gefallen am Privatleben – endlich nichts mehr machen zu müssen schien für ihn tatsächlich eine willkommene Abwechslung zu sein.

3 Kommentare

  1. Wo viel Licht, da auch viel Schatten. Aber wie bei allen höchst erfolgreichen Menschen, sollte das Licht bei Weitem überwiegen. Und das trifft auf Herrn Piech sicher zu. Alleine schon das Kunststück, mit der selben Technikbasis vier erfolgreiche Marken (VW, Audi, Skoda, Seat) zu versorgen und diese trotzdem unterschiedliche Kundenkreise ohne nennenswerten Kannibalismus untereinander ansprechen, ist eine Meisterleistung sondergleichen.
    Nur ein Bruchteil dieser Auto-DNA des Herrn Piech hätte man dem seligen Herrn Marchionne gewunschen, denn dann stünden Fiat, Lancia und Alfa anders da, als es jetzt der Fall ist.

  2. Ein Unsympathler sondergleichen.
    Ob das eine Voraussetzung für Erfolg sondergleichen ist?

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