Vor 50 Jahren: Die letzten Stunden des Jochen Rindt

4. September 2020
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Feature

Samstag, der 5. September 1970, war ein heißer Tag. Der übliche Wirbel im Autodrom von Monza, Kolonnenverkehr, nervöse Polizisten, chaotische Parkplatzsuche, idiotische Ordner. Jochen Rindt schlendert die Boxenzeile entlang, das Publikum brüllt auf. Jochen nickt und winkt den Leuten zu. Er war in Italien sehr populär. Mit seinem Charisma und seiner Risikobereitschaft hätte er zu Ferrari gepasst.

Ich stehe mit Heinz Prüller bei der Lotus-Box, und Jochen fragt uns: «Ist der Lucky schon da? Er will jetzt den Einstieg fürs „Motorama“ drehen». «Der muss gleich kommen», sagen wir.

Während Lucky Schmidtleitner, Chef der TV-Motorsendung «Motorama», seinen Kameramann Gerry Mörth und dessen Assistenten mobilisiert, steigt der Wiener Rundfunkreporter Edi Finger über die Boxenmauer, um sich von Jochen Autogramme «für meine Bekannten in Wien» zu holen. Jochen nickt und schreibt die letzten Autogramme seines Lebens.

Schräg gegenüber der Lotus-Box baut Gerry Mörth seine Kamera auf, Jochen geht inzwischen zu den March-Leuten nebenan. Er fragt Pete Kerr: «Also Pete, wann wirst du endlich wieder mein Mechaniker?» So einen genialen Mechaniker wie den Neuseeländer Pete Kerr, der früher an Jochens Formel 2-Autos des Winkelmann-Teams schraubte, wünscht sich Jochen auch im Lotus-Team, wo ihm die Technik nie geheuer ist.

Lucky Schmidtleitner winkt Jochen vor die Kamera und gibt ihm ein Mikrofon in die Hand. Die ersten Rennwagen fahren schon auf die Bahn hinaus. Jochen spricht die Anfangs-Moderation für den Grand Prix von Italien. Er ist mit den Gedanken aber längst weit weg. Er verheddert sich im Text und bricht mit den Worten ab: «Da ist zuviel Lärm, ich mach‘s noch einmal, wenn ich zurückkomm‘…»

Es gab kein Zurückkommen mehr.

Sekunden, bevor Jochen zum letzten Mal seinen Sturzhelm aufsetzt, steigt er zum Hochsitz seiner Gattin Nina auf die Boxenmauer hinauf. Nicht, um einen Blick in ihre Rundenzeittabelle zu werfen, sondern um sich über den Verkehr auf der Monzabahn zu informieren. Was er im Hinterkopf hat, scheint klar: Er hält Ausschau nach einem Auto, das schnell genug ist, um ihm einen wirkungsvollen Windschatten zu liefern.

Möglich, dass er Denny Hulme im Auge hat, denn als sich Jochen mit dem Lotus 72 aus der Boxenausfahrt katapultiert, kommt Hulme mit seinem McLaren full speed aus der Parabolica. Denny pfeilt sich an dem beschleunigenden Lotus vorbei, aber innerhalb der nächsten drei Runden saugt sich Rindt in Hulmes Windschatten.

Jochen, von dessen Lotus 72 der Heckflügel abmontiert wurde, dreht zunächst vier Runden: Von 1:27,59 steigert er sich auf 1:27,24, 1:26,75 und letztlich auf 1:25,71. In der fünften Runde hat Jochen nach der zweiten Lesmokurve den McLaren von Denny Hulme überholt, der dem Rindt-Lotus mit Abstand folgt.

Ich stehe mit Lucky Schmidtleitner irgendwo bei den Boxen, wir sind gedanklich bereits einen Tag voraus: Wie und wo sollte man morgen das Siegerinterview organisieren? Monza nach Rennschluss, da entzündet sich das Chaos aufs Neue. Noch dazu, wenn Ferrari gewinnt. Vielleicht sollte Jochen das Siegerinterview beim Lotus-Transporter machen? Vielleicht mit sich selbst, wie zuletzt in Hockenheim…

Auf einmal wird es rings um uns still. Rennwagen rollen lautlos mit abgestelltem Motor an die Box. Visiere werden hochgeklappt, Köpfe beugen sich an die Lippen der Fahrer. Das ferne Röhren der Wagen, wenn sie drüben in der Ascari-Kurve aus dem Wald kommen, ist verstummt. Es ist schwül, und die Ampel an der Boxenausfahrt leuchtet rot. Diese Stille erzeugt Unbehagen. Unruhe baut sich auf.

«Yes, Rindt», höre ich jemanden sagen. Ich laufe im Kreis, bis ich sehe, wie Jackie Stewart von der Lotus-Box herunterspringt, Nina Rindt ihre Stoppuhr einpackt und die Rundentabelle zusammenklappt. Colin Chapman greift sich an den Kopf, er glättet sein Haar, und in seinem Gesicht bricht Bestürzung durch. Einen Moment lang starrt er leer und verzagt, alles Unheil schon ahnend, auf den ölgefleckten Asphalt.

Ein Monteur spielt mit seinem Schraubenschlüssel. Sinnlos und kindisch trommelt er damit auf die Betonmauer. Ding, ding, dading, ding, dading, es klingt wie Morsezeichen.

Ich dränge mich zu Jackie Stewart: «Was ist los?»

«Jochen hatte einen Unfall.»

«Und?»

Jackie windet sich, und er sagt, was man üblicherweise in so einem Fall sagt: «Ich glaube, er ist okay.»

Chapman schickt John Miles mit seinem Rennauto zur Unfallstelle, um Klarheit zu bekommen. Es gibt noch keine TV-Kameras an der Strecke.

Hulme wird umringt. Der weiß was:

«Ja, Jochen ist vor der Parabolica raus…»

«Wo?»

«Linker Hand»

«Du hast es gesehen?»

«Ich war knapp hinter ihm.»

«Und?»

«Sieht bös aus…»

«Wie ist das passiert?»

«Der Wagen bog plötzlich nach links ab und prallte gegen die Leitschienen.»

«Ja und?»

«Räder flogen auf die Straße.»

«Und Jochen?»

«Ich glaube, er ist im Wagen…»

Ich laufe weg, durch die Boxen, bleibe in der Menschenmenge stecken, es ist wie im Traum: Man läuft und läuft und kommt doch nicht vom Fleck. Ich schlage mich zur Pressebaracke durch, wo drei Telefonistinnen Dienst machen. Eine Horrorbude, wunderbar passend zum tiefsten Mittelalter der Formel 1. Während ich ein Ferngespräch zur Kronenzeitung anmelde, kommt ein mir bekannter italienischer Journalist und flüstert mir ins Ohr: «Er ist tot.»

Das Ferngespräch wird dauern, höre ich von der Telefonistin, ich habe nichts anderes erwartet und laufe wieder zu den Boxen zurück. Das Menschengetümmel wird immer undurchlässiger. Es ist schwül. Die Atmosphäre ist aufgeladen. In der Boxenstraße treffe ich Porsche-Rennleiter Huschke von Hanstein.

«Jochen?», fragte ich ihn.

Er nickt.

Im selben Augenblick tritt Bernie Ecclestone, Jochens Freund, mit verweintem Gesicht in die Box, bückt sich und verstaut einen blutigen weißen Sturzhelm in eine schwarze Ledertasche. Jochens Helm, Jochens Tasche. Ich laufe wieder zur Pressebaracke zurück und bekomme wie durch ein Wunder die Telefon-Verbindung zur „Kronenzeitung“.

Man sagt mir in Wien: Wir wissen es schon. Rindt ist tot. Man hat es soeben im Rundfunk durchgesagt. Ich antworte: «Noch habe ich keine Bestätigung. Ich weigere mich, es zu glauben, denn in Monza hat man Lebende schon totgesagt und Tote leben lassen.»

Minuten später wird ein Presse-Bulletin verteilt: Jochen Rindt verunglückte um 15:25 Uhr und ist seinen schweren Verletzungen erlegen.

Jochen starb in der Sanitätsbaracke von Monza, dort, wo Schnittverletzungen und Insektenstiche behandelt wurden. Keine fünfzig Schritte entfernt parkte das neue Grand Prix-Medical Center, ein mit den modernsten medizinischen Geräten ausgerüsteter, fahrbarer Operationsaal, installiert in einem Sattelschlepper. Die Ärzte stritten mit der Monza-Rettung um den im Sterben liegenden Jochen. Die Italiener gaben ihn nicht heraus. Jackie Stewart ist auch heute noch der Meinung, im Grand Prix-Hospital hätte man Jochen retten können.

Aber war das realistisch? Kaum denkbar. Die Verletzungen waren tödlich.

Der Lotus-Rumpf war ein papierdünnes Blechkastl, sein Gurtsystem schlecht, Jochen hatte die Oberschenkelgurte nicht angelegt. Der Lotus-Keil fuhr unter der zu hoch angebrachten Leitschiene durch und traf genau einen Eisenpfahl.

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Monza ist auch zwei Stunden nach Jochens Tod noch immer Monza: ein lärmender, brodelnder, unruhiger Haufen, Menschen unter einer Dunstglocke, aufgebrüht von der Sonne. Nach einer Schrecksekunde ist die Formel 1 wieder zur Tagesordnung übergegangen. «Am besten, ihr fahrt noch heute Abend nach Hause», erklärt Lotus-Team-Manager Dick Scammel den Mechanikern, die apathisch in der dunklen Garage hocken. Nebenan liegt Jochens Wrack. Die Garagentür ist versperrt, das Schloss versiegelt, zwei Polizisten stehen Wache. Die Staatsanwaltschaft hat den Metallhaufen beschlagnahmt. Gegen 18 Uhr stiehlt sich der Lotus-Transporter mit den intakten Rennwagen von Miles und Fittipaldi im Laderaum aus dem Fahrerlager. Ein schneller Rückzug, bevor die Polizei auch diese beiden Lotus-Renner beschlagnahmt.

Auszug aus dem Buch „Damals. Als Sex noch sicher und die Formel 1 gefährlich war“ von Helmut Zwickl (gefco Verlag Wien)
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Foto: Joost Evers / Anefo (nationaalarchief.nl)

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