Glavitzas Gschichtln – Verehrter Rebell

1. November 2020
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Feature

Die erste Feier ist vorüber, Kränze und Blumen am Grab verwelken langsam, die Ehrenwache ist abgezogen – allein ein kleines Virus, das die Welt wie Bankräuber in Gesichtsmasken hüllt, hält alle am Schmäh. Dem winzigen Ding ist sogar etwas gelungen, was sonst niemand in der ganzen Galaxie geschafft hätte: Es brachte das „wilde Bergvolk jenseits des Semmerings“ (Zitat aus einem Geographiebuch einer britischen Grundschule) dazu, alle weiteren Feierlich­keiten am Ehrengrab, wahrscheinlich das einzige eines deutschen Staatsbürgers in der grünen Mark, nämlich von Karl Jochen Rindt (im Bild oben links), und auch die geplante Rindt-Ausstellung im Museum der Stadt Graz ins nächste Jahr zu verschieben.

Dass Rindt deutscher Staatsbürger war und zumindest spätere FIA-Gesetze seinen Weltmeistertitel Deutschland zugesprochen hätten, scheint den Steirern egal zu sein. Jedermann möge sich hüten, extra darauf hinzuweisen, bekanntlich verwandelt Kernöl besonders Kernnaturen in Sekundenschnelle in kampfwillige Panther, dem Wap­pentier der Steiermark. Und was hätte Karl Jochen darüber gesagt, „waun er oba schaun möcht“ (Zitat aus Herr Karl, Qualtinger/Merz)? Er hätte nur den Kopf geschüttelt, sich umgedreht und wäre gegangen.

Karl Jochen hatte Zeit seines Lebens einen Großteil der ihn umgebenden „Freun­desschar“ auf Armlänge von sich gehalten. Außer er wollte etwas von einem, da konnte er rasch „scheißfreundlich“ sein. Daneben pflegte er einen winzigen, echten Freun­deskreis, wohl abgeschirmt von der Party- und Reporter-Truppe. Wien und die Wiener waren ihm stets suspekt. Vor allem nach einem ernsten Zwist mit dem Wiener Play­boy und Rennfahrer Curd Bardi-Barry, Spross von Inhabern eines großen Reisebü­ros am Wiener Schwarzenbergplatz und anscheinend nie versiegender Geldquellen – Formel Junior-Rennwagen aus dem Hause Cooper wurden aus der Portokassa bezahlt. Mit der „Ecurie Vienne“, bestehend aus Bardi-Barry, Gunther Philipp, Rolf Markl und Marianne Koch (Filmstern bei deutschen Nachkriegskomödien) als Präsidentin der Karnevalstruppe wollte der „man with the funny nose“ nichts zu tun haben.

Karl Jochen war nicht wirklich ein lustiger Typ. Ich kann mich nicht erinnern, von ihm jemals einen Witz erzählt bekommen zu haben, dafür war er umso zielstrebiger. Hatte er ein Ziel vor Augen, so steuerte er auf dieses auf kürzestem Wege zu, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Mit der Wiener Heurigen-Mentalität, Schmähführen und andere Ausrichten, so sie nicht am Tisch sitzen, hatte er absolut nichts am Hut.

Warum er mir ab und an rührige Wortspenden zukommen hatte lassen, war der Tatsache zu verdanken, dass ich (im Bild oben rechts) in Wahrheit der schlechteste Journalist der österreichischen Motorsport-Society war. Hatte er mir eine Geschichte erzählt und hinzugefügt „Kapfnberga, schreib des oba jo ned“, dann hielt ich mich daran. Nicht so die echten, wahren Vollblut-Schrei­ber, was ihn stets zu vulkanartigen Zornausbrüchen brachte. Allenthalben maulte er seine Hofschreiber mit „Wos mochstn du da scho wieder …“ oder live während eines TV-Interviews auf die Frage, ob er wegen eines Motorproblems langsamer fahren musste, mit: „Nona, schnölla wer i wern!“

Er konnte sehr rüde und ungeduldig sein. Die Öffentlichkeit hatte da ein ganz an­deres Bild. Als ich es kürzlich wagte, während eines TV-Interviews auf Karl Jochens „Ei­gen­heiten“ zum Thema Ungeduld zart hinzuweisen, erntete ich einen Shitstorm, dass ich Covid wegen der Gesichtsmasken-Pflicht dankbar war, weil ich schon fürchtete, von älteren Damen mit dem Gehstock eine über den Schädel zu bekom­men. Wütende Anrufe beim ORF: Rindt wäre ganz lieb gewesen und hätte während eines Berg­rennens ihrem Enkel lieblich lächelnd über den Scheitel gestrichen und ein Auto­gramm gegeben. Ob er dem kleinen Buben vielleicht sogar ein paar Zeilen aus einem Liebesgedicht von Rainer Maria Rilke geschrieben hatte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Rückblickend finde ich es furchtbar, wie viele junge Männer damals umkamen – zum Teil schrecklich verbrannten oder sich das Genick brachen – „nur, weil ein paar schnell fahren wollten“ (Zitat meiner Ex-Frau während eines Besuchs in der „streng geheimen“ Lotus-Rennabteilung in England). Und das Schlimme daran: Wir sind damals locker über solche Tragödien marschiert. Beim 1000 Kilometer-Rennen auf dem Nürburgring verunglückten am Wochenende gleich drei Männer tödlich. Man hat kurz nach den Namen gefragt, eigentlich nur, ob man einen kannte – und ging zur Tagesordnung über. Man fand alles sicher – weil vor fünf Jahren waren noch sechs gestorben. Und damals hatte man gesagt, bei den Vorkriegsrennen waren es zehn.

Dennoch werde ich den Samstag vor fünfzig Jahren nicht vergessen, als ich mit meiner Catherine am Sozius ins Solar-Village (improvisiertes Filmlager für den Le Mans-Film) kam und Steve McQueen quer über den Sandplatz kommend sagte: „Hi Eric, your Buddy Jochen was killed… Monza.“

Foto: Archiv Glavitza

1 Kommentare

  1. Ich verstehe nicht, warum der Autor so betont, daß Jochen Rindt Deutscher war. Als Sohn eines Deutschen und einer Österreicherin erhielt der 1942 Geborene die deutsche Staatsbürgerschaft, Österreich gab es zu der Zeit nicht.
    Nachdem seine Eltern 1943 bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, kam er als Baby zu seinen Großeltern nach Graz und wuchs dort auf. Nach 1945 hätte er leicht die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten, doch sein Großvater (ein Rechtsanwalt) war dagegen, weil er meinte, Jochen könne als Deutscher die Ansprüche auf das Mainzer Erbe seiner Eltern besser wahren.
    Später war es Jochen offenbar wurscht. Er fühlte sich zwar überhaupt nicht als Deutscher, aber auch nicht allzu sehr als Österreicher (wegen der ungeliebten „Weaner“?). Ich glaube, er sah sich in erster Linie als Steirer und in zweiter Linie als Europäer. Immerhin legte er Wert darauf, mit österreichischer Rennlizenz zu fahren.

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