Neutralitäts-Frage

7. Juli 2021
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Alles Klartext

Das Amazon-Packerl wird klimaneutral verschickt, der Wegwerf-Becher so hergestellt, der Lack zum Streichen des Gartenzauns darf sich mit diesem Siegel schmücken, und selbst der online bestellte Liefer-Fraß kommt endlich nicht nur geschmacks-, sondern eben auch klimaneutral. Ein schönes Wort, man fühlt sich schon besser beim Kaufen. In den Köp­fen der meisten Konsumenten ist seine Bedeutung als „verursacht kein CO2“ gespei­chert – was noch schöner wäre, aber gleich doppelt falsch ist. Erstens, weil es nicht nur Kohlendioxid meint, sondern auch alle anderen Treibhausgase. Und zweitens, weil es nicht bestätigt, dass da irgendwas ohne Emissionen passiert, sondern nur, dass sie irgendwie kompensiert werden. Die korrekte Definition lautet: Es werden keine zu­sätz­lichen Treibhausgase erzeugt. Was endgültig am allerschönsten wäre, tatsächlich aber ebenfalls nicht klappt.

Es lässt sich aber wunderbar schön­rechnen und -reden. Vor allem dank der mehr oder weniger willkürlich gezogener Grenzen, was dazu zählt und was nicht. Doch das Kli­ma­neutralitäts-Mascherl ist begehrt und zieht – wer wird von zwei ähnlichen Angeboten schon das nicht klimaneutrale nehmen? Womit wir wieder bei Paketdienst, Pappbecher, Lack und Liefer-­Service wären – sie alle nennen sich klimaneutral, weil sie gewisse Auf­lagen erfüllen. Was absolut nicht schlecht ist – sich aber eben meistens nicht wirklich in CO2-Reduzierung niederschlägt, sondern nur im Verschieben dorthin, wo es nicht mehr zählt.

Doch es geht noch einfacher: Klima-Neutralität kann man auch kaufen. Eine Tonne selbst verursachtes CO2 kostet 25 Euro, Bezahlung online, ­zertifiziert und sogar steu­er­lich absetzbar. Verschiedenste Organisationen nehmen das Geld ­entgegen und inves­tieren es ökologisch. Abzüglich drei Euro Verwaltungsaufwand. Dann bekommt etwa eine Familie in Lesotho einen Solarkocher oder eine kleine Fotovoltaik-Anlage für ihr Haus. Was dort zwar helfen mag – aber Cash für Sünden, das hatten wir schon einmal. Und es verursacht immer noch das gleiche wie das mittelalterliche Original des Ablass­han­dels: Man zahlt lieber anstatt sich zu bessern. Investitionen in hier und jetzt statt­findende Ökologie sind nämlich in der Regel teurer. Sie bleiben daher aus oder werden zu­min­dest stark verzögert. Das Bezahl-System war ur­­sprünglich nur als Ausgleich für anders nicht vermeidbare Emissionen gedacht – inzwischen ist es der einfachste und billigste Weg zum Klima-Freispruch. Ähnlich ist es schon dem Bio-Siegel er­­gangen: Das war ur­sprüng­lich für die Erneuerung der natürlichen Kreisläufe gedacht – und be­zeich­net heu­te meist nur noch einen leidlich hochwertigeren Landwirtschaftsindustrie-Status.

Doch es ist zugegeben verführerisch: Auf die Betriebs-Emissionen eines Verbren­nungs­mo­tors umgelegt entsprächen die 25 Euro je Tonne CO2 etwa 5 Cent pro Liter Sprit – noch ein paar Monate mit nervigem Dauer-Trommelfeuer für mehr Öko-Bewusstsein und Elektromobilitäts-Mantra, und wir zahlen die freiwillig, wenn man uns dafür in Ruhe lässt. Obwohl – wurden NoVA und motorbezogene Versicherungssteuer nicht kürzlich wieder ange­ho­ben, sogar um deutlich mehr? Doch sicher, damit der Staat dieses Geld in gute Grün-Pro­jekte investiert, oder? Weil Klima-Neutralität schließlich sein erklärtes Ziel ist.

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