Volkswagen: Ist Diess das Ende?

22. Februar 2020
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Im Zuge eines Global Board Meetings von Volkswagen vor einigen Wochen machte Vor­standschef Herbert Diess einschneidende Ansagen, die sein Vorhaben, den Konzern komplett umzukrempeln, in Worte fassen. Beispiele dafür:

  • „Die Entwicklung des Aktienkurses von Tesla war zuletzt weitaus dynamischer als die Kurssteigerung von VW.“
  • „Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei. Die Zukunft von Volkswagen liegt im digitalen Tech-Konzern – und nur da.“
  • „Wir brauchen eine maximale Profitpool-Ausschöpfung über alle Segmente.“
  • „Die Brennstoffzelle und die Liquid Fuels fahren wir auf Grundlevel. Wir brauchen die volle Konzentration auf den Durchbruch der Elektromobilität.“
  • „Weg von der Volumen-Orientierung, hin zur Ergebnis-Qualität.“
  • „Bei den sechs Prozent für Forschungs- und Entwicklungs-Ausgaben und für Investitionen muss klar sein: Das ist die maximale Obergrenze.“

Diess will aus VW also eine Art Tesla im Riesen-Format machen, seine Bezugs­grö­ßen sind hohe Aktienkurse und gesteigerte Profite, ein verkleinertes Entwick­lungs­budget und die zukünftig ausschließliche Konzentration auf Batterie-elektrische Automobile samt digital vernetztem Umfeld.

Man fragt sich bloß: Warum?

Ein hochgepushter Aktienkurs wird primär dann zum Thema, wenn man verkaufen oder übernommen werden will. Der den VW-Konzern kontrollierende Clan Por­sche-Piëch will aber ganz sicher nicht das Familienerbe verhökern. Auch fette Gewinne sind für die österreichische Multimilliardärs-Dynastie bestenfalls von sekundärem Interesse. Solche begeistern schon eher das Land Niedersachsen als großen Min­derheitseigentümer. Doch auch dort zieht man eine nachhaltige Gewinnentwicklung, die dauerhaft Arbeitsplätze sichert, einer kurzfristig-übereilten Lösung vor.

Mit der reinen Konzentration auf Batterie-elektrische Autos übergeht man eine über­wältigende Kundenmehrheit. Der größte Autohersteller der Welt muss immer und grundsätzlich nach allen Richtungen entwickeln und hat dafür ein entspre­chen­des Budget bereitzustellen. Dieses war jahrelang das größte – nicht aller Auto­hersteller, sondern aller Unternehmen überhaupt. Forschung & Entwicklung sichert nämlich die Zukunft. Jene von 600.000 direkten und mehreren Millionen indirekten Mitarbeitern (Zulieferer, Händler etc.). Und sie ist notwendig, um elf Millionen Kunden pro Jahr zufriedenzustellen. Auch solche, die weiter auf Verbrennungsmotoren setzen wollen – oder es aus finanziellen bzw. logistischen Gründen müssen. Genauso solche, die sich für Brenn­stoffzellen-Fahrzeuge begeistern können.

Und Herbert Diess ist nicht Elon Musk. Der exzentrische Tesla-Boss tanzt seit Jahren auf dem rasierklingenscharfen Grat zwischen Genie und Wahnsinn – bisher ohne Absturz. Diess sollte Musk nicht nacheifern, er könnte es auch gar nicht. Die Welt ist zu klein für einen Zweiten dieser Sorte.

Im Grunde wäre alles ganz einfach: Herbert Diess müsste nur vor die Konzern­zen­trale in Wolfsburg treten und den Blick nach oben richten. Am Dach steht nämlich nicht „Tech-Konzern“ oder „Gewinn-Maximierung“ oder „Elon Musk Superstar“. Dort oben steht VW – Volkswagen. Nicht nur Name, sondern vor allem Botschaft: VW baut Wa­gen fürs Volk. Wer das nicht verstehen will, hat im Chefsessel nichts verloren.

(Kommentar)

Foto: VW

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